Die Hölle in blau

Bildung  #111018-005a

1

Die Frage

Als der kleine Paul 1981 in die Schule kommt, hat ihn das Leben bereits sosehr gezeichnet, dass er der ängstlichste Schüler aller Zeiten wurde. Klein, blond und in niedlichen Halbschuhen steht er da, seine Fingerchen ineinander verknotet. Die braunen Äuglein lugen durch die hellblaue Brille mit den zu dicken Gläsern, und scheu wie ein Rehkitz betritt er das Gebäude. Noch mit dem Kopf nach hinten zu seinen Eltern gewandt, verschluckt ihn das große Unbekannte. Das riesige Maul der Schule schnappt ihn einfach aus der Welt. Sofort reißt Paul die Augen auf, fühlt sich in dieser fremden Umgebung einsam und verlassen.

In der Mitte der Aula versammelt sich eine Gruppe von Schulanfängern. Kleine Körper, mit Schulranzen bepackt, irren herum und brummen und flattern wie Bienen. Mädchen und Jungen gleichermaßen, sind stolz auf ihre bunten Schultüten. Aus der Menge ragt eine große, weibliche Gestalt von ausgemachter Schönheit und langen, blonden Haaren. Die sich ins Gebäude stehlenden Sonnenstrahlen, lassen ihre Augen funkeln. Die Lehrerin. Seine Schultüte etwas fester umarmend, taucht der kleine Paul in die Menge ein, Schutz suchend wie ein Babypinguin in einem Meer voller fremder aber beschützender Leiber.

Die Last wiegt schwer auf seinem Rücken. Neben der Angst, den vielen Menschen und dieser fremden Umgebung, drückt auch Paulchens Schulranzen. Aber irgendwie hat dieses Gewicht auch eine beschützende Wirkung, stellt Paul etwas später fest. Wie ein Schild das ihn vor Gefahren schützt. Wer weißt was diese Kinder im Schilde führen, oder dieser Ort für Überraschungen bereit hält? Auch die Lehrerin könnte plötzlich mit Fragen über ihn herfallen, Fragen die er, schon aus reiner Nervosität, nie zu beantworten im Stande wäre.Und so trottet er weiter in der Menge, wie eine Schildkröte mit zu großem Panzer. Die Schultüte, seine ganz persönliche Rettungsboje, fest umklammert.

Sie gehen eine Treppe hinauf, wandern durch Gänge, kreuzen Flure und kommen an offenstehenden Klassenräumen vorbei. Eine Herde schaukelnder, bunter Schulranzen und Schultütenschleifen, angeführt von der alles überragenden Lehrerin. Da packt Paulchen zum ersten Mal die Angst. Seine Fantasie lässt ihn für einen Moment in die Zukunft blicken und da sieht er sich selbst in einem dieser Klassenzimmer sitzen, in dieser Herde herumtollender Kinder, die schreien und lachen und offenbar keine Furcht kennen. Und er sieht wie er etwas gefragt wird, wie es daraufhin still wird in der Klasse und das Grauen ihn überrollt, weil er die Antwort nicht weiß. Paul läuft in der Gruppe weiter. Er muss seine Fantasie in Schach halten, bevor sie droht mit ihm durchzugehen.

Sie erreichen das Klassenzimmer. Fortan gehört er in die 1a. Das gefällt Paul, 1a klingt gut, er findet es passt zu ihm. Er weiß bereits, dass die eins die erste Stelle aller Zahlen ist. Sie ist der König und Beginn von allem, auf das alles andere zu folgen hat. Ebenso wie der Buchstabe A, der erste Buchstabe im Alphabet, schon seit jeher und bis in alle Ewigkeit. Dass Pauls erste Klasse und damit der Start seiner Schulzeit mit dem Symbol 1a beginnt, stimmt ihn trotz aller Angst für einen Moment positiv.

Die Kinder strömen in den Raum und zu Pauls Überraschung rennen sie gleich zu den Tischen und Stühlen, als gäbe es eine Belohung für den besten Platz. Paul selbst steht vor dem Stuhl der irgendwie mit dem Tisch verbunden ist und weiß nichts damit anzufangen. Verstohlen schaut er zu den anderen Kindern. Schaut ab, möglichst unauffällig. Würden nämlich die anderen Kinder seine vorsichtigen, heimlich Blicke bemerken, würden sie ihn womöglich an Ort und Stelle auslachen, mit dem Finger auf ihn zeigen. Es wäre ein Beweis seines Unvermögens diese fremde Verbindung zwischen Tisch und Stuhl zu verstehen. Denn nicht verstehen ist schlecht, Verstehen hingegen gut und nur darauf kommt es an. Und so zieht Paul langsam den Stuhl aus der Halterung unterm Tisch, stellt ihn auf den Boden und nimmt samt Schultüte und Ranzen ungelenkt darauf Platz.

Die Lehrerin mahnt zur Ruhe. Die anderen Kinder werden leiser, Paulchen noch nervöser. Hoffentlich fragt sie nichts. Nein, sie gibt Anweisung den Ranzen abzustellen und die Schultüte auf den Tisch zu legen. Widerwillig trennt sich Paulchen von seiner Schutzausrüstung und klemmt sich stattdessen fest zwischen Stuhl und Tisch. Trotzdem fühlt er sich im Griff dieser Möbel nackt. Dann werden nach und nach Kinder aufgerufen. Sie gehen vor zur Lehrerin, die nun an ihrem Schreibtisch sitzt. Irgendwas wird geredet, die Lehrerin macht Notizen und ordert nach und nach Schüler nach vorne an ihr Pult. Plötzlich realisiert Paul, dass auch er bald an der Reihe ist, dass auch er aufgerufen wird, ohne Ausnahme. Der kleine Paul erstarrt zur Säule, seine Blicke huschen durch den Raum. Und obwohl die Kindergebete mit seiner Oma schon ein paar Jahre zurückliegen, haucht sein Geist ein unbewusstes, flehendes Lieber Gott, lass mich das heil überstehen!

Paulchens Name hallt durchs Klassenzimmer und die Stimme der Lehrerin trifft ihn wie ein Schlag in die Magengrube. Vor Schreck schnellt Paul hoch und wirft dabei den Stuhl um. Einige Kinder lachen. Paulchen hebt den Stuhl schnell wieder auf und rennt zur Lehrerin. Am liebsten würde er sich hinter ihr verstecken. Die Kinder beruhigen sich wieder. Paulchen Gedärme verkrampfen sich. So steht Paulchen innerlich bebend vor seiner Lehrerin.

„´74 oder ´75?“, fragt diese und Paul versinkt in Panik. Mit seinen großen Kulleraugen starrt er die Lehrerin an. Am liebsten würde Paulchen jetzt im Boden versinken. Gäbe es einen Teppich, er würde unter ihn flüchten, sich mit ihm zudecken und sich verstecken vor der grässlichen Lehrerin Fragen. Was?! Vierundsiebzig oder Fünfundsiebzig?! Was will sie, diese Lehrerin? Hätte ich schon was lernen müssen? Habe ich was verpasst? Woher wissen die anderen Schüler bitte die Antwort? Was soll das alles? Aber es gibt keine Fluchtmöglichkeit und so verknotet Paul automatisch seine Fingerchen ineinander. Ein heißeres „Was?“, ist alles was er schafft.

„1974 oder 1975?“, fragt die junge Lehrerin wieder. Eine Monsterwelle der Angst überrollt Paul, dringt bis in seine letzte Hirnwindung und vernichtet jeden klaren Gedanken. Konnte er vorhin schon kaum einen klaren Gedanken fassen, durch all das Geschrei der furchtbar furchtlosen Kinder, so ist nun alle Anstrengung vergebens zu ergründen, was die Lehrerin von ihm will. Was sind das für Zahlen und was haben die mit mir zu tun?! Da nimmt die Lehrerin ihre Brille ab und lächelt Paul an. Sofort wird ihm leichter ums Herz, vielleicht ist es jetzt vorbei!

„Wann bist du denn geboren Paul? 1974 oder 1975?“, fragt sie stattdessen. Wie gejagtes Wild irren Paulchens Augen umher und da platzt es aus ihm heraus: „Achthundertfünfundachtzig!“. Die Lehrerin lacht auf, wirft den Kopf nach hinten und Paul schämt sich zu Tode. Totale Verwirrung, die verknoteten Fingerchen, fangen an sich gegenseitig zu erwürgen. Da schmilzt das breite und laute Lachen der Lehrerin zu einem leichten Grinsen und sie sagt: „Geh setz dich wieder. Ich werde deine Eltern fragen.“ Sofort läuft Paul wieder zu seinem Platz und klemmt sich zwischen Tisch und Stuhl.

2

Der Zehnerstreifen

Nie hätte Paul gedacht, dass ihm ein Streifen Papier soviel Sorgen und Ängste bereiten könnte. Zusammen mit seiner Lehrerin Frau Bayer, sitzt Paulchen an seinem Platz, die anderen Kinder sind beschäftigt. Allein schon die Tatsache, dass die anderen irgendwie alle selbstständig arbeiten können, Frau Bayer aber bei ihm sitzt, stört ihn. Auch beschäftigt ihn die Frage, wie es sein kann, dass alle anderen mit dem Ding sofort klarkommen, während er nicht das Geringste damit anzufangen weiß. Der Papierstreifen ist ungefähr zwanzig Zentimeter lang und eineinhalb breit. Darauf befinden sich genau zehn große, braune Punkte. Die Lehrerin hat erklärt was es damit auf sich hat. Dass man den Streifen falten kann und sich dann ewas ändert. Paulchen hat zwar begriffen das weniger Punkte zu sehen sind, wenn er den Streifen beispielsweise zur Hälfte faltet, aber woher er wissen soll, dass es dann genau die Hälfte ist, weiß er nicht. Auch ist es ihm ein Rätsel, wie er auf die genaue Anzahl der Punkte kommen soll die verborgen sind, ohne den Streifen umzudrehen und nachzuzählen. Die Lehrerin hatte erklärt, dass sie das ausrechnen würden. Aha…?!

„Schau mal Paul, du nimmst jetzt dein Zehnerstreifen und faltest drei Punkte weg.“, sagt Frau Bayer, die ganz nah bei ihm sitzt. Paul macht wie ihm geheißen und riecht das Parfum der Lehrerin, spürt ihre Wärme. Ihre Hände sind ganz anders als die seinen. Sie knickt ihren Streifen auch ganz anders als er. Viel genauer und schneller. Woher sie das nur so toll kann?

„Sehr gut. Wieviel Punkte sind jetzt noch übrig, Paul?“. Paulchen tippt mit kleinem Zeigefinger auf den ersten Punkt. Er fängt an zu zählen. „Nein Paul! Nicht zählen! Rechne es aus.“, befielt Frau Bayer und nimmt ihm den Zehnerstreifen aus der Hand. „Schau mich an, schau nicht auf den Streifen! Wir haben drei Punkte weggeknickt, wieviel Punkte bleiben dann übrig?“

Paulchen senkt seinen Blick, tut als würde er nachdenken, rechnen. Dann fängt er an zu blinzeln, wird still und nachdenklich, versinkt ganz in sich, hofft mit diesem Gehabe den Anschein zu erwecken er würde kopfrechnen. „Hm…“, macht er und kriecht dabei noch tiefer in die ihm gestellte Aufgabe, bückt sich hinunter in geistige Vertiefung, ja verkrümmt sich regelrecht vor diesem mathematischem Rätsel, dass es trotz all seiner Darbietungen immer für ihn bleiben würde. Verstohlen wirft er einen Blick zu Frau Bayer. Die schaut ihn nur erwartungsvoll an, sagt nichts. Da fangen ganz langsam und beinahe unbemerkt und halb verborgen unterm Tisch, Paulchens Hände an sich zu spreizen. Vorsichtig knickt Paulchen drei seiner Finger ein. Es funktioniert nicht ganz, weil sich auch die Finger bewegen, die es eigentlich gar nicht sollen, aber er hat ganz klar gesehen, dass es….

„Nicht schummeln Paul! Rechne nicht mit den Fingern, rechne im Kopf! Okay, ich sage dir wie die Aufgabe lautet: Was ist zehn minus drei?“, sagt Frau Bayer. „Sieben!“, antwortet Paul und grinst. „Ach Paul, dass hast du schon wieder mit den Fingern gemacht! So wird das nichts. Schau, wir falten deinen Streifen mal genau in der Mitte…“

Wie um alles in der Welt sollte man herausfinden können wieviel Punkte fehlen, wenn man nicht nachzählen darf?! Das geht doch gar nicht! Frau Bayer erklärte das würden wir lernen und uns dann merken. Merken!? Aber das sind viel zu viele Möglichkeiten, als das man sich die alle merken könnte. Paulchen spielte mit dem Zehnerstreifen herum. Er faltete seinen Zehnerstreifen nach jedem Punkt. Er freute sich, denn er wusste, dass er nun genau zehn Knicke in seinem Streifen hatte, ohne nachgezählt zu haben. Als er dann, nur zur vermeintlichen Kontrolle und mit der Vorfreude, es bereits zu wissen, doch nachzählte, war er verärgert. Was war das? Es waren keine zehn Knicke! Es waren nur neun! Verfluchte Zahlen! Wie kann es sein, dass ein Zehnerstreifen mit zehn Punkten nur neun Knicke braucht um nach jedem Punkt geknickt zu sein?! Wut und Aggression stiegen in Paul auf.

„…ja genau, so! Und wie viele bleiben übrig?“, fragt Frau Bayer jetzt. Paul erstarrt wieder in seiner Pose des angeblichen Nachdenkens. Er spürt wie ihm schlimmste Wut die Wirbelsäule hinaufkriecht. Wut über die Demütigung keine Antwort zu haben. Wut darüber, diesen beschissenen Streifen einfach nicht zu verstehen. Und Wut über diesen sinnlosen Umweg des Rechnens, wenn er doch ebensogut einfach nachzählen könnte. Die Lehrerin seufzt: „Komm schon Paul, wie viele Punkte sind jetzt noch übrig? Wir haben jetzt sechs weggeknickt, na?“

Wenn er lange genug einfach nur dasitzen würde, vielleicht würde sie dann aufhören zu fragen und einfach weggehen. Nein, sie fragt immer weiter. Und so gesellt sich zu der ohnehin schon unvorstellbaren Wut, auch noch die Wut über diesen Zwang. Über diesen grausamen, nie nachlassenden Zwang, das unbedingt verstehen zu müssen, obwohl doch schon längst klar sein sollte, dass er es einfach nicht versteht und auch nie verstehen würde! Warum lässt sie ihn nicht einfach in Ruhe damit?

„Paul hör mal. Du kommst bald in die nächste Klasse. In Zukunft kommen ganz andere Aufgaben auf dich zu. Wie willst du die denn verstehen, wenn du hier schon das Bocken anfängst? Ich weiß, manchmal ist es nicht ganz einfach, aber da mussten vor dir schon viele andere Kinder durch.“, erklärt Frau Bayer mit Geduld und sanfter Stimme, aber doch bestimmt und unmissverständlich.

„Und?“, fragt Paul, zur Hälfte traurig und zur Hälfte trotzig. „Haben die es dann verstanden?“

„Nun ja…“, zögert Frau Bayer, „sie haben es auf jeden Fall immer in die nächste Klasse geschafft und nicht aufgegeben.“

Paul sitzt da, ganz still und unbeweglich. Keine Reaktion. Der ganze Schock dieses Können-Müssens, dieses auf Gedeih und Verderb Verstehen-Müssens lässt ihn kraftlos in sich zusammensinken, dasitzen und starren. Gescheitert schon jetzt, geschlagen schon in so jungen Jahren. Was auch immer da noch kommen mochte, er würde es nie und nimmer damit aufnehmen können. Wie denn, zum Teufel, wenn ihn die gerade jetzt gestellten Aufgaben schon zur Verzweiflung bringen? Paul wünscht sich in die Zeit zurück, in den Kindergarten in dem er frei war, in dem es kein Müssen und kein Sollen gab, ein Ort an dem er spielen konnte wie es ihm passte, ohne Regeln und ohne Zwang und wenn doch nach Regeln, dann nur nach seinen eigenen. Die Zukunft ist dem kleinen Paul ein vager Begriff, etwas so Unbegreifliches wie diese Rechenaufgaben, etwas weit Entferntes, Langes, dass so unendlich sein mochte, wie diese blöden Zahlen die ihm entgegenstarren. Und so graut es dem kleinen Paul bereits vor der Zukunft, bevor er überhaupt weiß was Zukunft ist.

„…was kommt dabei jetzt raus?“, fragt Frau Bayer gerade in weiter Ferne? „Hallo Paul!?“, ruft sie. „Jetzt nicht beleidigt sein, weiter geht’s!“

Paulchens Antwort kullert als dicke, trotzige Träne von seiner Wange. Die Wut findet ein Ventil.

„Ach Paul, nicht weinen. Das ist doch nicht so schwer.“ Frau Bayer nimmt Paul in ihre Arme und streicht ihm über die Schulter. Paul klammert sich instinktiv an ihren Körper und schluchzt und bebt. Endlich! Endlich würde sie ihn damit in Ruhe lassen. Doch was ist das? Plötzlich, trotz all seiner soeben offenbarten Verletzlichkeit und seines Elends, schält sich Frau Bayer aus der Umarmung und sagt: „Das wird schon. Wir werden fleißig üben und dann packst du das schon.“, doch Paul bricht in lautes Weinen aus, schluchzt ungehemmt los, sitzt verloren vor seinem Zehnerstreifen und die Blicke all seiner Mitschüler durchbohren verstohlen seinen Rücken.

3

Der Raum

Die Lehrer auf Pauls Schule sind alle weiblich. Den Schulalltag beherrschen wohldosierte Strenge gewürzt mit liebevoller Zuneigung, unterbrochen von notwendigem Tadel. Ähnlich einer übergroßen Mutter, sorgt das Lehrerinnenkollektiv für kindgerechte Bildung und deren Umsetzung. Im ganzen Schulgebäude wabert es, in jedem Raum wird gedacht, gesprochen, gelernt und gelitten. Kleine Mädchen heulen los, wenn sie eine schlechte Note bekommen, aufgeweckte Jungs spielen Streiche, die Tafeln werden beschrieben; es wird gemalt, gebastelt, gelesen und das Einmaleins auswendig und ohne ein Zögern stolz vorgetragen. Die Grundschule – eine riesige Gebärmutter in der die Lehrerinnen dafür sorgen, dass die Kleinen zu gescheiten Menschen heranreifen.

Eine ganz bestimmte, bereits etwas ältere Lehrerin neigt eher zum Tadel als zum Lob und hält nicht viel von freundlichen Gesten. Selbst lacht sie nie, ist von steifem Gang und immer ernst. Und sie ist fest davon überzeugt, dass Kinder mehr lernen, wenn sie mit strenger Hand geführt werden. Freundlichkeit bringe einen im Leben kaum weiter, so ihre Meinung. Je eher die Kinder lernen, dass einem im Leben nichts geschenkt wird und das Erfolg harter Arbeit bedarf, desto besser für sie. Natürlich kennt die besagte Lehrerin, namentlich Frau Schaller, auch Paul und weiß um seine ängstliche, zurückhaltende Art. Auch ist sie im Bilde über seine großen Schwächen im Rechnen.

Frau Schaller gibt Nachhilfeunterricht im Rechnen. Sie hat zwar eine eigene Klasse, aber zweimal die Woche, so haben die Lehrerinnen beschlossen, soll es Nachhilfe im Rechnen geben und das könne doch Kollegin Schaller übernehmen. Frau Schaller erklärte sich bereit und so lüftet sie gerade das Klassenzimmer, das für den Nachhilfeunterricht vorgesehen ist. Der Raum hat etwas Besonderes, denn er ist fast komplett blau. Eine blaue Tafel, obwohl alle Tafeln sonst grün sind, blaue Möbel und einen Metallschrank, der ebenfalls blau ist. Es fehlen noch ein paar Tische und Stühle, die Tafel muss gewischt werden und den großen Rechenschieber möchte Frau noch holen. Dieser Rechenschieber ist neu und ein kleiner Stolz der Schule. Die Schulleitung hat gleich zehn Stück davon bestellt, weil sie robust sind und vor allem sehr groß. Ein Meter im Quadrat, so kann Frau Schaller den Rechenschieber auf ihr Pult stellen und jedes Kind alles sehen. Hundert Metallwürfel sind in vier mal 25 Bereiche eingeteilt, zweimal rot und zweimal blau. Ordentlich verbaute Metallstangen geben dem Ganzen Stabilität und die Zahlen auf den Würfeln sind schön groß, sodass die Kinder sie gut lesen können. Frau Schaller sieht zwar nicht danach aus und es ist ihr kaum anzumerken, aber sie freut sich auf den Nachhilfeunterricht. Sie ist absolut überzeugt davon, dass jedes Kind rechnen lernen kann, nur dauert es bei manchen eben etwas länger. Das ist alles.

4

Übung

Paul sitzt zu Hause an seinem Schreibtisch. Den Kopf in die linke Hand gestützt, arbeitet er müde und lustlos die Übungsaufgaben durch, die ihm sein Vater aufgeschrieben hat. Bis auf das Fach Rechnen hat er sich einigermaßen an die Schule gewöhnt. Paulchen ist sehr froh darüber, dass sich seine Angst auf das Rechnen reduziert hat. Sehr viel länger hätte er diese Qualen auch kaum mehr ausgehalten. Ihn wundert es aber immer noch, wie befreit und angstfrei fast alle seine Mitschüler durch den Tag gehen. Sie haben nicht mal Angst vor dem Rechnen. Und zwei gibt es, die scheinen sogar Spaß daran zu haben! Dauernd melden sie sich mit einem schier unbegreiflichen Ergeiz und machen sogar freiwillig Fleißarbeit! Paulchen ist so etwas fremd. Wie kann man Zahlen nur lieben?! Zahlen machen mir Angst. Sie sind unendlich und unendlich ist auch das Weltall. Und da ist es sicherlich gruselig! Allein schon die Vorstellung von unendlich macht mir Angst. Ich kann mir nicht vorstellen wie etwas unendlich sein kann. Außer die Unendliche Geschichte vielleicht und sogar die ist gruselig!

Verzweifelt versuchen ihm die Lehrerinnen und seine Eltern ein Schema in den Kopf zu pflanzen, eine Art Gerüst, mit dessen Hilfe er sich vorstellen kann, oder vielmehr vorstellen könnte, wie die Zahlen miteinander funktionieren und wie man plus und minus rechnet. Und beim besten Willen kann Paul nicht nachvollziehen, wie sich seine Mitschüler das alles merken können. Es gibt einfach zu viele Möglichkeiten, zu viele Zahlen! Es gibt Tage, an denen freut sich Paul, weil er etwas verstanden hat, es schafft gewisse Aufgaben zu lösen. Aber immer wenn das passiert, weilt die Freude nicht lange, denn plötzlich ist das was eben noch funktionierte falsch. Und dann geht es wieder von vorne los. Das kleine Gerüst, dass sich sein Geist aufgebaut hat, der Funken Vorstellung den Paul eben noch besaß um Aufgaben zu lösen, erlischt einfach so. Mühsam zusammengebaute Querverstrebungen und krampfhaft erzwungene Vorstellungen von Zahlengebilden mit plus und minus, lösen sich in Luft auf und sind plötzlich falsch. Es ist zum Verzweifeln.

Paul ist fertig mit den Aufgaben. Aber noch ist kein Ende in Sicht. Er muss damit zu seinem Vater gehen, der alle Aufgaben überprüft. Alle Falschen müssen wiederholt werden und erst wenn alle richtig sind, hat der Tag ein Ende.

5

Gut gemeint

„…das ist eine gute Möglichkeit für euch im Rechnen besser zu werden. Da habt ihr Zeit und könnt in aller Ruhe lernen. Frau Schaller hier hilft euch dabei, ihr könnt sie alles fragen.“.

Pauls Lehrerin steht vor der blauen Tafel im Nachhilfezimmer und spricht zu einer kleinen Schülergruppe. Frau Schaller ist auch da. Paul hatte sie bereits ins Auge gefasst, als sie diesen ungemütlichen Raum vor fünf Minuten betraten. Seitdem hat sich die Miene dieser Frau um keinen Millimeter verändert. Starr wie eine Säule steht sie da und blickt auf die Kinder. Paul scheint, als blicke sie direkt in sein nicht vorhandenes Rechenzentrum. Ob im Kopf oder im Bauch, wo auch immer es liegen mag, diese Frau blickt direkt darauf und hinein und es bereitet Paul großes Unbehangen, sich in der Nähe dieser Frau aufhalten zu müssen. Die Blicke dieser Frau dringen so tief in Paul, dass sie seine Rechenschwäche so offen darzulegen scheinen, dass jeder sie sehen kann. Frau Bayer ist fertig, verlässt den Raum und Frau Schaller erwacht zum Leben.

„Hallo zusammen. Ich bin Frau Schaller und zuständig für euren Nachhilfeunterricht. Mit mir habt ihr die Möglichkeit Dinge aus dem Unterricht in Ruhe zu wiederholen, solange bis ihr sie versteht. Anschließend werden wir Übungen machen, damit ihr euch alles besser merken könnt. Fangen wir am besten gleich an. Ich habe euch auch etwas mitgebracht.“

Frau Schaller greift neben den blauen Schrank. Paul kann nicht genau sehen nach was sie greift, doch plötzlich erscheint ein Monstrum von einem Rechenschieber. Einige Kinder machen Oohh und Aahh; Paul denkt nur Oh Gott! und er fühlt sich plötzlich sehr schwach. Eine kleinere, normale Version davon hat er zu Hause und lebhaft sind Paulchens Erinnerungen, wie seine Mom einen ganzen Nachmittag lang verzweifelt versuchte mit ihm daran zu arbeiten. Das war definitiv ein Gerät des Teufels!

Sowie Frau Schaller den Rechenschieber stolz auf den Schreibtisch wuchtet, ist es Paul, als würde er ein schwaches aber unbestreitbares Lächeln über Frau Schallers Gesicht huschen sehen. Und das ist genau der Moment in dem Paul den ersten Groll gegen diese Frau verspürt. Warum dieses Lächeln? Was soll das? Was für ein Lächeln ist das? Sicherlich kein Lächeln echter Freude! Eher SCHADENfreude! Was ist das für eine Lehrerin? Was ist das nur für ein Mensch!?

Paul ist sich in dieser Sekunde tausendprozentig sicher, dass diese Lehrerin tief in ihrem Innersten nicht gewillt ist den Kindern etwas beizubringen, sondern sich daran labt, wie die Kinder das was sie erklärt, nicht verstehen würden. Soviel sie auch erklären mag und freundlich tut, ihr wahres Ich offenbart sich in diesem einen Lächeln und Paul fürchtet jetzt nicht nur die Zahlen, sonder auch noch diese Frau!

Und dieses Monstrum! Ungeachtet der Verwirrung, die die Größe dieses Geräts bei ihm auslöst, kann er sich auch beim besten Willen keinen Reim darauf machen, wie jemand auf die Idee kam, er würde mehr verstehen und besser rechnen könne, nur weil man den Rechenschieber um das tausendfache vergrößerte! Genau das Gegenteil ist der Fall! Nun glotzen die Zahlen auf ihn herab und strafen ihn mit Verachtung, machen sich lustig über ihn. Und auch wenn Frau Schaller das Ding in den höchsten Tönen lobt und erklärt wie Paul und seine Leidensgenossen damit arbeiten würden; für Paul war die Sache bereits jetzt erledigt. Nie im Leben würde er damit klarkommen. Das Ding war eine Waffe gegen ihn. Gegen seine Schwäche, gegen sein Unvermögen mit Zahlen klarzukommen…einfach gegen alles.

6

Fluchtversuch

Paul atmet den herrlichen Duft von Frau Bayer. Ganz nah zusammen sitzen sie an Paulchens Schulbank und gehen gemeinsam Rechenaufgaben durch. Die Lehrerin hat einen Arm um Paul gelegt und stützt sich auf dessen Stuhllehne. Alle anderen Schüler rechnen selbstständig vor sich hin. Paul selbst hat um diese Privataudienz gebeten, obwohl ihm davor graute wieder im Detail vorgeführt zu bekommen, wie verdammt hartnäckig er diesen Kram einfach nicht kapiert. Trotzdem ist es Paulchen so allemal lieber, als mit Frau Schaller im Nachhilfeunterricht zu sitzen. Paulchens anfängliches Gefühl wie der Unterricht verlaufen würde, bewahrheitete sich bis aufs i-Tüpfelchen. Diese Frau ist grausam! Ihre kratzige Stimme die immer beleidigt klingt und zu Höhen im Stande ist, an die man gar nicht glauben will – sie dringt jedes Mal bis in Paulchens Mark und Bein. Viel schlimmer noch ist ihre totale Ablehnung allen Nichtverstehens, dass ungesagt mitteilt, dass jeder Mensch einen Sachverhalt zu verstehen habe, wenn sie es ist, die ihn erklärt. Paul ist zwar noch zu jung um das direkt zu erkennen und beim Namen zu nennen, aber Worte wie Arroganz, Selbstgefälligkeit und verborgener Frust, würden seine Gefühle für diese Frau am besten beschreiben. Er hätte nie gedacht, dass es etwas geben sollte, das er noch weniger verstehen würde als das Rechnen. Aber diese Frau ist Paul ein Rätsel und wird es wohl auch immer bleiben. Warum ist sie überhaupt Lehrerin geworden? Warum gibt sie diesen Nachhilfeunterricht? Sicherlich um sich selbst zu gefallen und, auch das stellte sich als wahr heraus, um sich an den Qualen der Kinderchen zu erfreuen, denen sich der Zusammenhang der Zahlen einfach nicht erschließen wollte.

Für Paul am aller unerträglichsten jedoch ist das komplette Fehlen von Mimik in dieser Frau Gesicht. Wer weiß an was es liegt, Paulchen ist es letztlich egal, aber die Tatsache, dass Frau Schaller nie lacht, noch den Mund zu einem Schmollen verzieht, weder ihre Stirn in Falten legt, oder es für nötig hält auch nur den kleinsten Muskel ihres Gesicht zu bewegen, ist für Paul der beste Beweis für jenen unterschwellig wahrnehmbaren Frust den diese Frau verströmt. Als wäre ihr Innerstes einst vor langer Zeit aufs Schlimmste verletzt worden und würde sich nun durch das absolute Fehlen Ihrer Mimik offenbaren. Vielleicht, und Paulchen würde das nicht verwundern, ist ihr innerer Selbsthass sowohl Ursache als auch Wirkung des Grolls den sie ständig zu hegen scheint, vor allem jener Groll gegen sich selbst. Und so ein Mensch wird Lehrer?

„Aber Paul dafür ist Frau Schaller doch da!“. Die Privataudienz neigt sich dem Ende, was Paulchen gar nicht gefällt. Er möchte an der trauten Zweisamkeit festhalten, weiter den Duft seiner schönen Lehrerin atmen.

„Aber bei Ihnen verstehe ich das besser und wir machen das nicht mit diesem großen Rechenschieber und sie können das viel besser erklären und ihre Stimme ist auch viel schöner und…“

Pauls Lehrerin bricht in schallendes Gelächter aus. „Meine Stimme klingt besser?!“. Sofort schauen andere Schüler auf. Paul wird sofort knallrot und schämt sich für diesen Ausrutscher.

„Hahaha, liebes Paulchen, meine Stimme…hahaha…und rot musst du schon gar nicht werden, mein süßer Kleiner…hahaha!“, lacht die Lehrerin. „Pass mal auf“, sagt sie nachdem sie sich beruhigt hat, beugt sich auf Pauls Höhe und fasst ihn an der Schulter, „wir können hin und wieder kurz ein paar Dinge durchgehen, aber ich muss mich auch um deine Mitschüler kümmern. Die sind nämlich auch noch da, weißt du.“. „Aber…“. „Kein Aber Paul. Das geht nicht! Dafür gibt es Frau Schaller und ich bin mir sicher du wirst dich an sie gewöhnen.“ Ja klar! „Aber warum lacht sie nie? Ich verstehe das noch weniger als Rechnen, darum will ich das hier machen. Mit Ihnen!“. Jetzt muss Frau Bayer wieder lachen, allerdings mehr für sich selbst, unterdrückt, so als dürfe Paul nicht erfahren, dass es lustig ist, wenn jemand die Frage nach Frau Schallers chronischem Nicht-Lachen stellt. Paul ist davon kurz irritiert. „Reg´ dich nicht auf Paul, du schaffst das schon.“, sagt Frau Bayer, tätschelt ihm den Rücken und geht an ihr Pult.

Natürlich kann das Paul mit sieben Jahren noch nicht wissen, genauso wenig ist es ihm bewusst. Aber von irgendwoher beschleicht ihn das Gefühl, dass seine Klassenlehrerin Frau Schaller vielleicht auch nicht so sympathisch findet. Ja mehr noch; dass Paul etwas ansprach, über dass sich die Erwachsenen bereits seit längerem nicht nur im Klaren sind, sondern über das sie sich sogar lustig machen. Warum sonst sollte die Klassenlehrerin über seine Frage nach Frau Schallers Statuengesicht so komisch gelacht haben.

Komische Welt.

7

Die Hölle

„…ABER ICH KANN DAS NICHT!!“ schreit Paul weinend.

Frau Schaller steht mit weit aufgerissenen Augen wie angewurzelt neben ihrem Megarechenschieber. Innerhalb einer Millisekunde fängt sie sich und schreit zurück: „DAS KANN ICH NICHT, GIBT’S BEI MIR NICHT! Streng dich an Paul, dann kapierst du es auch!“

Du scheißblöde Lehrerin! Du dumme scheiß Rechentussi! Ich hasse dich! Ich hasse dich! Hoffentlich stirbst du bald! Paulchen ist am Ende. Die Tränen strömen ihm in Bächen die Wangen herunter. Er lässt buchstäblich den Kopf hängen, über seine Rechenaufgaben die ihm seine Existenz soeben zur Hölle machen. Die Zahlen verschwimmen vor seinen Augen, in sich hineinfluchend verwünscht er Frau Schaller aufs Schlimmste und das macht die Wut nur noch unerträglicher. Die anderen Kinder sind mucksmäuschenstill. Deren Blicke gehen jedoch an Paul vorbei. Sehr schnell fand er nämlich heraus, dass eine gewisse Loyalität zwischen den Rechenschwachen besteht. Keiner macht sich über den anderen lustig, war ungeschriebenes Gesetz. Paul weiß das und so kann er zumindest die Blicke der anderen im Moment ausblenden und sich ganz seiner Wut widmen.

„Haben wir uns jetzt wieder beruhigt, Paul?“, fragt Frau Schaller.

Paulchen schluchzt ungerührt weiter.

„Paul schau mich an!“, befiehlt Schaller.

Paul macht gar nichts.

„Paul ich hab gesagt, du sollst mich anschauen. Schau mich an!“.

Aus purem Trotz hebt Paul seinen Kopf in quälender Langsamkeit. Die Augen lässt er geschlossen. Wie ein fast geschlagener Gladiator hebt er sein Haupt, behält aber sein Blick nach innen gerichtet. Leck mich am Arsch, sagt dieser Blick.

„MACHST DU GEFÄLLIGST DIE AUGEN AUF, PAUL!“

Paul öffnet noch langsamer die Augen. Er sieht ohnehin nichts, ein Schleier aus Tränen verwäscht die Sicht. Gut, denkt er, die Schaller ist eh hässlich.

„Also!“, beginnt Frau Schaller, „was haben wir hier?!“

Paul lässt sich auf ein einzelnes Blinzeln herab. Mehr Kommunikation ist ihm die Hexe nicht würdig. Ein paar Tränen kullern ihm von den Wangen und tropfen auf sein Rechenheft. Die Umrisse werden schärfer, er blinzelt noch einmal und schaut auf den Megarechenschieber.

„Wir waren bei 75 roten und blauen Würfeln! Hier!“, Frau Schaller deutet auf den Rechenschieber. Dann fährt sie fort: „Wieviel weitere müssen wir wegnehmen, damit 50 blaue übrigbleiben?“.

Paul sagt nichts, starrt nur auf den Rechenschieber. Unabhängig der Farben, lautet die Aufgabe 75 minus wieviel ist 50? Paulchen hat so eine Aufgabe schon mehrfach geschafft. Allerdings ohne Farben! Da war es egal, ob rot oder blau. Außerdem war er zu jenem Zeitpunkt auch nicht überwältigt von Wut. Egal was ihn die Schaller jetzt noch fragen würden, er würde die Antwort nie wissen.

„Eeelfff“, antwortet Paulchen daher träge und gedehnt und in einem Ton der vor Verachtung und Gleichgültigkeit nur so strotzt. Sofort lachen ein paar Kinder auf, aber ebenso schnell schreit die Schaller: „RUHE!“. Dann sagt sie: „Paul wir sind hier kein Ratekurs, klar! Ich werde dir das schon einimpfen, dass darfst du mir glauben. Du sollst rechnen und nicht raten, kapiert! Ich frage dich also nochmal und wenn…. Was zum Teufel…?!“, Frau Schaller verliert die Kontrolle über ihren Unterkiefer, langsam sinkt er bodenwärts.

Paulchen senkt ganz langsam den Kopf und verschränkt ebenso langsam die Arme. „Elf!“, wiederholt er. Frau Schaller setzt sich blitzschnell in Bewegung, auf Paul zu. Der rührt sich keinen Millimeter. Bei Paul angekommen hebt sie ihren Finger und entlädt eine Schimpftriade über ihn.

„Paul wenn du meinst, du kannst hier trotzen wie es dir gefällt, dann hast du dich gewaltig geirrt! Bei mir hat noch jedes Kind rechnen gelernt und das wirst du auch! Schau mich gefälligst an, wenn ich mit dir rede…“, Frau Schaller schwadroniert noch weiter, doch Paul befindet sich bereits in einem inneren Monolog, einem Mantra. Fass mich blos nicht an! Ich sags dir, fass mich blos nicht an, oder ich flipp so aus, wie du es dir nicht vorstellen kannst!

„…hast du gehört! Du bist ein trotziger, kleiner Junge und ich hab gesagt du sollst mich anschauen, wenn ich mir dir rede!“, und mit diesen Worten packt Frau Schaller Pauls Oberarm.

In diesem Moment bricht alles über Paul zusammen. Und so einfach und klein das winzige Wörtchen „alles“ auch sein mag, es bedeutet die Welt für Paul, in diesem Moment. Seine Vergangenheit, alle Kränkungen, alles Leid, jede einzelne, ungerechte Bestrafung schaukeln sich auf zu einer Monsterwelle. Missmut und Verdrießlichkeit vereinen sich, Ärger schwillt zu blankem Zorn und die ohnehin schon schwelende Wut potenziert all das ins Unendliche. So wird der kleine Paul zum Vulkan, kann dem Druck seiner im innersten geballten Emotionen nicht mehr standhalten und explodiert mit einem so fürchterlich lautem Schrei, dass Frau Schaller noch Albträume davon haben wird, wenn sie sich längst im Ruhestand befindet.

„AAAAAHHHHH!!!!!“, schreit er und breitet dabei die Arme aus. Er reißt sich von Frau Schaller los, steht blitzschnell auf, sein Stuhl fällt krachend um. Die anderen Kinder sind starr vor Schreck. Frau Schaller weiß nicht wie ihr geschieht, bleibt aber ihrer chronischen Gesichtslähmung treu und so steht sie nur mit weit aufgerissenen Augen da. Da hat sich Paul schon in Bewegung gesetzt und läuft nach vorne zum Lehrerpult, klettert über den Stuhl der Lehrerin aufs Pult, packt diesen riesen Rechenschieber und wirft ihn mit lautem Krachen zu Boden. In dem Moment kommt Frau Schaller kurz zu sich: „PAUL! WAS IST IN DICH…?“, aber sie kommt nicht weiter, da Paul bereits anfängt wie wild auf den Rechenschieber einzutreten und darauf herumzuhüpfen. „Teufelsgerät! Teufelsgerät! Teufelsgerät!“, schreit er dabei. Das gibt der Schaller den Rest. Schnellen Schrittes geht sie zu ihm, reißt ihm am Oberarm von dem Rechenschieber herunter, der nun in unzählige Einzelteile zerbrochen daliegt, und schüttelt ihn heftig durch, während sie schimpft: „WAS MACHST DU DENN DA?! WAS ZUM TEUFEL IST IN DICH GEFAHREN?! VERDAMMT NOCHMAL PAUL…“.

Plötzlich geht die Tür auf. Paul, der von Frau Schaller wild durchgeschüttelt wird blickt in dem Chaos kurz zur Tür. Frau Bayer! „Was ist denn hier los!?“, fragt diese verwirrt. Die Schaller blickt erschrocken um, Paul immer noch an den Armen gepackt. Lächerlich jetzt noch zu versuchen die Tränen und die Wut zurückzuhalten, weint Paul aus vollem Herzen, rennt auf Frau Bayer zu und wirft die Arme um sie.

(…)

Fünfzig Jahre später

„Paul lass das!“

Lisa McTiernan verräumt ihren Einkauf. Als Chefsekretärin einer großen Anwaltskanzlei und Mutter eines eineinhalbjährigen Sohnes, ist sie stets gezwungen, sich zu organisieren, sonst würde der Alltag über ihr zusammenbrechen. Aber das ist okay für sie. Lisa war noch nie jemand, der sich beschwerte. Und so räumt sie die Lebensmittel in den Kühlschrank, Saftflaschen unter einen Arm geklemmt, während sie mit dem Fuß die Einkaufstüte beiseite schiebt. Paul, ihr ganzer Stolz, ist währenddessen fleißig damit beschäftigt seiner Mom zu helfen und verteilt den Inhalt des Korbes systematisch auf dem Küchenboden. Und er trägt den Namen seines Großvaters.

Als alles verräumt, und Paul noch mit einer Tube Zahnpasta beschäftigt ist, nimmt Lisa ihn auf den Arm und ihm die Tube aus dem Mund. „Fleißiges Kerlchen!“, sagt sie und stupst ihn mit der Nase an. Während sie so dasteht mit ihrem Sohn auf dem Arm, in der lichtdurchfluteten Küche, geht plötzlich die Haustür auf und ein Typ, einer von der sportlichen Sorte, stürzt herein.

„Hey Schwesterherz, wie geht’s dir Bebi?!“ schreit er durch die Räume, läuft breit grinsend auf die beiden zu, und wirft seine dicken Arme um sie.

„Hi. Musst du immer so herumschreien?“, fragt Lisa, während Paul große Augen macht.

„Erkennst du mich denn nicht wieder, mein Lieblingsneffe?“, fragt der Typ den kleinen Paul und stupst ihn mit dem Finger auf den Kopf. „Lass das!“, sagt Lisa, „du erschreckst ihn nur.“

„Na er wird wohl kaum so schreckhaft sein, wie sein alter Grandpa zu jener Zeit, was.“, sagt der Typ und geht ins Wohnzimmer.

John McTiernan, groß, breit und muskulös ist Lisas großer Bruder und spricht Bebi nie nach Lautschrift aus, sondern fast buchstabierend, sodass aus dem a ein e wird und aus dem y ein i. Lisa fand das früher, als sie noch klein war, unglaublich süß. Nun, als Erwachsene geniert sie sich manchmal, wenn er das in der Öffentlichkeit macht. In Wirklichkeit ist ihr dieses Wort in John´s Aussprache aber wie eine weiche Decke, die sie mit Geborgenheit umhüllt und sofort wieder 3 Jahre alt sein lässt. Und sie fühlt sie sich nach all den Jahren immer noch wohl beim Klang dieses Wortes, in der Umarmung von John´s Bebi.

Sie sitzen im großen Wohnzimmer auf der weißen Couch und Paul krabbelt am Boden herum, als Lisa fragt: „Hast du was von Dad gehört?“

„Nein gar nichts.“, antwortet John ernst. Lisa seufzt, zieht gierig Luft in ihre Lungen und als sie sie wieder entweichen lässt, drückt es ihr, synchron zur ausgestoßenen Luft Tränen in die Augen. Die Entspannung des Seufzers lässt sie entwaffnet zurück, ihre Gefühle brechen sich ungehindert Bahn. Sie schnieft kurz, John blickt auf.

„Oh Lisa…!“, sagt er sofort, springt auf und nimmt seine Schwester in den Arm. Lisa kullern bereits die ersten Tropfen über die Wangen. „Es ist nur…also ich weiß, dass er es schaffen wird…er hat so viel geschafft in seinem Leben…weißt du…ich bin einfach unheimlich stolz auf ihn und…“. Lisa hält inne und beobachtet ihren Sohn wie er krabbelnd seine Welt erforscht, dann fährt sie fort: „Ich wünsche mir einfach nur, dass Paul noch viel von seinem Granpa lernen kann, verstehst du? Dass sie noch viel Zeit miteinander haben.“

John, Lisa im Arm und mit einem Finger ein sanftes Streicheln andeutend, nickt stumm.

„Ich weiß, Bebi. Ich mach mir genausoviel Sorgen um Dad wie du. Aber weißt du, irgendwie tröstet mich der Gedanke an sein prallgefülltes Leben. Es tut gut zu wissen, dass er schon lange in sich ruht, weder der Welt noch sich selbst noch irgendwas beweisen muss.“

„Ja du hast Recht. Das ist wirklich ein tröstender Gedanke.“, sagt Lisa. „Aber bei unserem Abschied…“

„Lisa du weißt, dass du die Abschiede immer schlimmer empfunden hast, als alle anderen. Und trotzdem kam Dad jedesmal putzmunter zurück“, unterbricht John.

Lisa kramt ein Taschentuch hervor und schneuzt. Mit roten Augen und verweintem Gesicht starrt sie ins Leere und denkt nichts. Sie erinnert sich an das Leben ihres Vaters, blickt zurück an das, was er ihr beigebracht hat, als sie jahrelang große Schwächen im Deutschunterricht hatte. Sie muss lachen, wenn ihr jetzt klar wird, dass sie in einer Anwaltskanzlei arbeitet und komplexeste Texte entwirft und verfaßt, mit Juristensprache um sich wirft und grundsätzlich und am schnellsten von allen die schlagfertigsten Kommentare parat hat. Sie schmiegt sich an Chris, lächelt weiter und sagt: „Du hast Recht. Dad weiß was er macht.“

Am Abend liegen Lisa und John vor dem Fernseher, zappen durch die Kanäle und stoppen bei CNN. Ein Reporter berichtet:

„…es handelt sich dabei um den weltweit bekannten Abenteurer Paul John McTiernan,

der vor drei Wochen im Alter von 56 Jahren zu einer neuen Wanderung durch Kanadas unberührte Wälder aufbrach, um jungen Menschen zu zeigen, dass auch im Alter noch herausragende Leistungen möglich sind. Paul McTiernan war wie immer ohne nennenswerte Ausrüstung unterwegs, ernährte sich vom Land und verließ sich auf sein Know-how in der Wildnis. Bereits zu Beginn der Reise wurde ihm von mehreren Seiten abgeraten. Dennoch entschloss sich Paul die Reise anzutreten. Wie immer mit dem Satz: „Und wenn es meine letzte ist.“

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